Klangkunst: vom Kölner Studio für elektronische Musik zur Klanginstallation
Klangkunst bewegt sich zwischen Musik und bildender Kunst. Sie wird nicht im Konzertsaal aufgeführt, sondern im Raum installiert, und sie verlangt vom Publikum, sich zu bewegen, zu verweilen und genau hinzuhören. Köln spielt in ihrer Vorgeschichte eine besondere Rolle.
Was Klangkunst ist
Unter Klangkunst, auch Audiokunst oder englisch sound art, versteht man intermediale Kunstformen, in denen Klang mit anderen Künsten und Medien zu einem Werk verbunden wird. Dazu zählen Klangskulpturen, Klanginstallationen, Musikperformances und medienkünstlerische Arbeiten mit Hörspiel, Video oder Netzwerken. Der englische Begriff sound umfasst dabei ausdrücklich auch das Alltagsgeräusch: Klangkunst arbeitet ebenso mit dem Rauschen einer Straße, dem Brummen einer Maschine oder dem Knistern eines Materials wie mit instrumental erzeugten Tönen.
Zwei Merkmale unterscheiden Klangkunst von einem Konzert. Erstens hat sie häufig keinen festen Anfang und kein festes Ende; sie läuft über die Öffnungszeiten einer Ausstellung, und das Publikum kommt und geht. Zweitens ist der Raum Teil des Werks: Wo eine Klangquelle steht, wie der Raum hallt und wo sich die Zuhörenden bewegen, verändert das, was zu hören ist.
Eine Vorgeschichte, die in Köln spielt
Die Geschichte der Klangkunst ist eng mit der elektronischen Musik verbunden, und diese hat einen ihrer frühesten Orte in Köln. Am 18. Oktober 1951 fand im damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk eine Besprechung statt, an der unter anderem Werner Meyer-Eppler, Robert Beyer, Fritz Enkel und Herbert Eimert teilnahmen. Der Intendant Hanns Hartmann gab daraufhin grünes Licht für die Einrichtung eines Studios. Dieser Tag gilt als Gründungsdatum des Studios für Elektronische Musik, das später zum Westdeutschen Rundfunk gehörte und als eines der ersten seiner Art gilt.
In diesem Studio entstand 1955 und 1956 Karlheinz Stockhausens Gesang der Jünglinge, realisiert zusammen mit Gottfried Michael Koenig und am 30. Mai 1956 in Köln uraufgeführt. Das Stück verbindet elektronisch erzeugte Klänge aus Sinus- und Impulsgeneratoren mit der bearbeiteten Stimme eines Knaben und wurde für fünf Lautsprechergruppen komponiert. Dass der Klang aus verschiedenen Richtungen kommt und sich im Raum bewegt, ist ein Gedanke, der später für Klanginstallationen zentral wurde.
Das Studio zog auch junge Künstler an, die später die bildende Kunst veränderten. Nam June Paik arbeitete von 1958 bis 1963 mit Stockhausen im Kölner Studio, bevor er mit Fluxus-Konzerten und schließlich mit manipulierten Fernsehgeräten bekannt wurde; seine Ausstellung Exposition of Music – Electronic Television 1963 in der Galerie Parnass in Wuppertal gilt als wegweisend. Der Weg von der elektronischen Musik zur Installation im Ausstellungsraum ist in dieser Biografie fast exemplarisch zu sehen.
Das Studio selbst hat eine wechselvolle Geschichte: Es war zunächst im Funkhaus am Wallrafplatz untergebracht, später in anderen WDR-Räumen und zuletzt provisorisch in Kellerräumen. Im Oktober 2023 übergab der WDR es durch einen Überlassungsvertrag an die Stadt Köln.
Klangskulptur und Klanginstallation
Zwei Begriffe begegnen in Ausstellungsankündigungen besonders häufig:
| Begriff | Typische Merkmale |
|---|---|
| Klangskulptur | Ein Objekt, das selbst Klang erzeugt: mechanisch, elektrisch, pneumatisch oder durch Berührung. Form und Klang sind untrennbar; die Skulptur ist zugleich Instrument. |
| Klanginstallation | Ein Raum, der durch Klang gestaltet wird, oft mit Lautsprechern, Sensoren oder aufgezeichnetem Material. Der Klang verteilt sich, wandert oder reagiert auf die Anwesenden. |
Viele Arbeiten liegen dazwischen. Maschinenartige Klangobjekte, die zu einem Orchester zusammengestellt und elektronisch gesteuert werden, sind Skulptur, Instrument und Installation zugleich. Andere Arbeiten verzichten ganz auf sichtbare Objekte und bestehen nur aus Lautsprechern und Stille.
Wie man Klangkunst hört
Klangkunst verlangt eine andere Haltung als ein Bild an der Wand. Einige Hinweise helfen:
- Zeit mitbringen. Viele Arbeiten laufen in längeren Schleifen. Wer nach einer Minute weitergeht, hört womöglich nur eine Pause.
- Den Standort wechseln. Der Klang verändert sich mit der Position im Raum. In Ecken, an Wänden und in der Mitte hört man oft drei verschiedene Werke.
- Auf den Raum hören. Nachhall, Echo und Störgeräusche von außen sind kein Fehler, sondern Material, mit dem die Arbeit rechnet.
- Leise sein. In Ausstellungen mit Klangarbeiten stören Gespräche mehr als anderswo. Wer sich unterhalten möchte, tut es besser vor der Tür.
- Auf das eigene Gehör achten. Manche Arbeiten sind sehr laut oder arbeiten mit tiefen Frequenzen. Gute Ausstellungsorte weisen darauf hin; im Zweifel hilft ein kurzer Abstand.
Klangkunst ausstellen
Für Ausstellungsorte ist Klangkunst anspruchsvoll. Eine Klangarbeit braucht einen Raum, in dem sie nicht von anderen Arbeiten übertönt wird; Gruppenausstellungen mit mehreren Klangarbeiten müssen genau geplant werden. Große, leere Hallen sind dafür oft gut geeignet, weil sie Abstand erlauben und einen eigenen Nachhall haben. Zugleich brauchen Klangarbeiten Technik, Strom und Pflege; Lautsprecher fallen aus, Steuerungen hängen sich auf. Wie Ausstellungsorte mit solchen Anforderungen umgehen, beschreiben wir im Beitrag über Medieninstallationen ausstellen.
Klang dokumentieren
Klangarbeiten sind besonders schwer zu dokumentieren. Eine Stereoaufnahme gibt den Raum nicht wieder, und ein Foto von Lautsprechern sagt fast nichts über das Werk. Viele Künstlerinnen und Künstler arbeiten deshalb mit Mehrkanalaufnahmen, mit Videos, die Ton und Bewegung im Raum zeigen, oder mit Partituren und Beschreibungen, nach denen eine Arbeit an einem anderen Ort neu eingerichtet werden kann.
Warum Köln ein guter Ort zum Hören ist
Die Stadt hat mit dem Studio für Elektronische Musik, mit Ensembles für Neue Musik und mit einer lebendigen Szene freier Räume eine lange Tradition darin, Klang als künstlerisches Material ernst zu nehmen. Konzerte und Ausstellungen überschneiden sich hier häufiger als anderswo, und viele Ausstellungsorte öffnen ihre Räume für Abende, an denen Klang im Mittelpunkt steht. Wer Klangkunst kennenlernen möchte, findet in Köln deshalb nicht nur Museen, sondern auch kleine Hallen, Atelierhäuser und Projekträume, in denen Klang und Raum zusammengedacht werden.
Quellen
- Wikipedia: Klangkunst (Begriff und Formen).
- Wikipedia: Studio für Elektronische Musik (Köln) (Gründung 1951, Standorte, Übergabe an die Stadt Köln 2023).
- Wikipedia: Gesang der Jünglinge (Entstehung 1955–56, Uraufführung 30. Mai 1956).
- Wikipedia: Nam June Paik (Arbeit im Kölner Studio 1958–1963, Galerie Parnass 1963).