Licht als Skulptur: Projektion, Film und Raum in der Installationskunst
In vielen zeitgenössischen Arbeiten ist Licht nicht das, was ein Werk sichtbar macht, sondern das Werk selbst. Ein Lichtstrahl im Dunst wird zur Skulptur, ein projizierter Film zur Architektur, eine Leuchtstoffröhre zur Zeichnung im Raum. Ein Überblick über eine Kunstform, die ohne dunkle Hallen kaum denkbar wäre.
Vom Beleuchten zum Gestalten
Lange war Licht in der bildenden Kunst ein Gegenstand der Darstellung: gemaltes Licht auf Leinwand, Lichtstimmungen in der Landschaftsmalerei, das Spiel von Hell und Dunkel. Im 20. Jahrhundert begannen Künstlerinnen und Künstler, mit realem Licht zu arbeiten. Mit elektrischem Licht, Projektoren und später Video wurde Licht zu einem Material, das sich formen, bewegen und im Raum verteilen lässt.
Ein frühes Schlüsselwerk ist der Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy, eine kinetische Konstruktion aus Metall, Glas und Kunststoff, die er in den 1920er-Jahren entwickelte und 1930 fertigstellte. Angetrieben von einem Motor und von Lampen angestrahlt, wirft sie wandernde Licht- und Schattenmuster in den Raum. Moholy-Nagy interessierte nicht das Objekt allein, sondern das, was es mit dem Licht im Raum tut.
Licht als Objekt: Leuchtstoffröhren und Lichträume
In den 1960er-Jahren begann der amerikanische Künstler Dan Flavin, handelsübliche Leuchtstoffröhren als Kunstwerke zu verwenden. Seine Arbeiten bestehen aus nichts als diesen Röhren, ihren Halterungen und dem farbigen Licht, das sie in die Ecken, auf Wände und Böden werfen. Ein Raum mit einer Arbeit von Flavin verändert seine Farbe; die Betrachtenden stehen buchstäblich im Werk.
Andere Künstler wie James Turrell gingen noch weiter und gestalteten ganze Räume so, dass Licht als fast greifbare Fläche oder Masse erscheint. Solche Arbeiten setzen voraus, dass der Ausstellungsraum kontrollierbar ist: dunkel, ohne Streulicht, mit genau eingestellten Lichtquellen.
Film als Skulptur: Anthony McCalls Lichtkegel
Eine besonders klare Form fand der britische Künstler Anthony McCall, geboren 1946. Seine Arbeit Line Describing a Cone aus dem Jahr 1973 besteht aus einem Film, der in einem dunklen Raum projiziert wird. Auf dem Filmstreifen ist eine weiße Linie zu sehen, die im Verlauf von etwa einer halben Stunde allmählich einen Kreis zeichnet. Weil der Raum mit feinem Dunst gefüllt ist, sieht man nicht nur den Kreis auf der Wand, sondern vor allem den Lichtstrahl selbst: Er wächst von einer dünnen Linie zu einem vollständigen, hohlen Kegel aus Licht, durch den die Besucherinnen und Besucher hindurchgehen können.
McCall nannte solche Arbeiten später „Solid Light“: Licht, das wie eine Skulptur wirkt. Aus der Idee entwickelte er über Jahrzehnte weitere Installationen, in denen sich mehrere Lichtflächen überlagern, bewegen und horizontal oder vertikal durch den Raum ziehen. Diese Arbeiten verbinden Kino, Zeichnung und Skulptur. Sie zeigen auch, wie eng das Werk an den Raum gebunden ist, in dem es gezeigt wird: Ohne Dunkelheit, Höhe und Dunst gibt es keinen Kegel.
Expanded Cinema
McCalls frühe Arbeiten gehören zu einer breiteren Bewegung, die als Expanded Cinema bekannt wurde: Künstlerinnen und Künstler, die das Kino aus dem Kinosaal holten und mit Mehrfachprojektionen, Live-Aktionen, Licht und Klang arbeiteten. Der Begriff wurde durch das gleichnamige Buch des amerikanischen Theoretikers Gene Youngblood von 1970 bekannt. Gemeinsam ist diesen Arbeiten, dass die Projektion selbst sichtbar wird: Projektor, Strahl, Leinwand und Publikum sind Teil des Werks.
Licht und Projektion ausstellen
Für Ausstellungsorte sind Licht- und Projektionsarbeiten anspruchsvoll. Große Hallen bieten Höhe und Tiefe, die ein Lichtkegel braucht, müssen aber vollständig verdunkelt werden können. Fenster werden abgeklebt, Notausgangszeichen abgeschirmt, soweit die Vorschriften das erlauben. Dunstmaschinen müssen so eingestellt sein, dass der Strahl sichtbar ist, ohne die Luft unangenehm zu machen, und sie dürfen keine Brandmelder auslösen. Projektoren und Medienplayer laufen über Wochen und brauchen Wartung. Mehr zu diesen praktischen Fragen im Beitrag über Medieninstallationen ausstellen.
Wie man Lichtarbeiten erlebt
- Den Augen Zeit geben. Nach dem Betreten eines dunklen Raums braucht das Auge mehrere Minuten, um sich anzupassen. Vieles wird erst dann sichtbar.
- Die Position wechseln. Ein Lichtkegel sieht von der Seite völlig anders aus als vom Projektor aus oder von der Wand her.
- Hineingehen, wenn es erlaubt ist. Viele Arbeiten sind so angelegt, dass man durch das Licht geht und den eigenen Schatten in die Projektion wirft.
- Die Dauer beachten. Projektionen haben Zyklen. Bei McCalls Arbeiten etwa entfaltet sich eine Form erst über viele Minuten.
- Vorsicht bei Lichtempfindlichkeit. Stroboskopeffekte oder flackernde Projektionen sind in guten Ausstellungen angekündigt; im Zweifel am Eingang nachfragen.
Von der Loft-Vorführung zur Museumsinstallation
Die Geschichte von Line Describing a Cone zeigt, wie sich eine Arbeit mit ihrem Ausstellungsort verändert. Bei den frühen Vorführungen in den 1970er-Jahren, oft in New Yorker Lofts, folgte die Arbeit den Regeln des Kinos: Das Publikum kam zu einem festen Termin und sah den Film von Anfang bis Ende. Der Lichtkegel wurde damals durch Staub und Zigarettenrauch in der Luft sichtbar. Als die Arbeit in Museen gezeigt wurde, ersetzten Nebelmaschinen den Rauch, und der Film lief in Schleife, sodass Besucherinnen und Besucher jederzeit kommen und gehen konnten. Aus einer Filmvorführung wurde eine Installation.
Licht und der Ort
Lichtarbeiten sind vielleicht die ortsgebundenste Kunstform überhaupt. Dieselbe Projektion wirkt in einer niedrigen Galerie anders als in einer hohen Industriehalle, in einem neuen Museumsbau anders als in einem Gebäude mit Stützen und rauem Beton. Für freie Ausstellungsorte mit großen Hallen sind solche Arbeiten deshalb eine Chance: Sie können zeigen, was in kleineren Räumen nicht möglich ist, und machen den eigenen Raum dabei selbst sichtbar.
Quellen
- Wikipedia: Line Describing a Cone (Anthony McCall, 1973).
- Wikipedia: Anthony McCall.
- Wikipedia: Light-Space Modulator und László Moholy-Nagy.
- Wikipedia: Dan Flavin.
- Wikipedia: Expanded Cinema (Gene Youngblood, 1970).