Künstlerbücher und Editionen: Formen, Geschichte und wie man sie sammelt
Ein Künstlerbuch ist kein Buch über Kunst, sondern ein Kunstwerk in Buchform. Zusammen mit Editionen, also Druckgrafiken, Multiples und kleinen Auflagenobjekten, bildet es ein eigenes Feld der zeitgenössischen Kunst, das auf spezialisierten Messen, in Kunstvereinen und in Projekträumen gezeigt wird. Eine Einführung.
Künstlerbuch, Kunstbuch, Katalog
Die Begriffe werden oft verwechselt. Ein Kunstbuch oder Katalog bildet Kunstwerke ab und erläutert sie; das Buch ist Träger von Informationen über etwas anderes. Ein Künstlerbuch dagegen macht das Buch selbst zum Gegenstand eines künstlerischen Konzepts. Es wird als Originalarbeit geschaffen oder erscheint, nach der Idee des Multiples, in einer autorisierten Auflage. Ein Künstlerbuch kann gedruckt, gestempelt, gefaltet, genäht oder geschnitten sein; es kann aus einer einzigen Seite bestehen oder aus einer Schachtel voller loser Blätter.
In der Fachliteratur werden oft drei Gruppen unterschieden:
- Malerbücher, in denen Künstlerinnen und Künstler eine Folge von Bildern zwischen zwei Buchdeckeln zusammenfassen oder Texte frei illustrieren;
- Buchobjekte, also skulpturale Gebilde, die den Objektcharakter des Buches nutzen oder die Buchform in anderen Materialien nachbilden;
- Künstlerbücher im engeren Sinn, bei denen die Abfolge der Seiten, das Blättern und das Lesen selbst Teil des Werks sind.
Eine kurze Geschichte
In den 1920er-Jahren begannen Künstler verschiedener Strömungen, mit dem Medium Buch zu experimentieren. Manifeste, Pamphlete und Zeitschriften des Dada, Publikationen von Kurt Schwitters oder Raoul Hausmann und die Bauhaus-Bücher nahmen vieles vorweg. Das Buch erschien als ein Medium, das Kunst aus Museen und Salons hinaus in eine breite Öffentlichkeit tragen konnte.
In den 1960er-Jahren, mit dem Aufkommen von Konzeptkunst und Fluxus, setzten sich international kleine, nummerierte Auflagen gedruckter Künstlerbücher durch, neben Schachteln, Auflagenobjekten und Zeichnungen. Sie hatten den Vorteil, dass man sie verschicken konnte; Künstlerinnen und Künstler hielten damit ein Netz von Kontakten aufrecht, das über Länder hinweg reichte. Ein vielzitiertes Beispiel dieser Zeit ist Ed Ruschas Twentysix Gasoline Stations von 1963: ein schmales Heft mit Fotografien von Tankstellen, das Fotobuch, Konzeptkunst und Massendruck zusammenbringt.
1975 veröffentlichte der mexikanische Künstler und Schriftsteller Ulises Carrión einen Essay über „die neue Kunst des Büchermachens“, in dem er das Buch als Abfolge von Räumen beschrieb, die in einer bestimmten Zeit gelesen werden. Der Text wurde zu einer Grundlage der Theorie des Künstlerbuchs. Heute gilt Findet mich das Glück? von Peter Fischli und David Weiss aus dem Jahr 2003 mit mehr als 300.000 Exemplaren als meistverkauftes Künstlerbuch der Welt.
Editionen: Auflage, Nummer, Signatur
Neben Büchern umfasst das Feld Editionen aller Art: Siebdrucke, Radierungen, Lithografien, Fotografien, Multiples und kleine Objekte. Beim Kauf begegnen einem dabei einige Angaben, die man kennen sollte:
| Angabe | Bedeutung |
|---|---|
| Auflage | Die Gesamtzahl der Exemplare, zum Beispiel 30. Eine kleine Auflage macht ein Werk seltener, nicht automatisch besser. |
| Nummerierung „7/30“ | Siebtes von dreißig Exemplaren. Bei Drucken sagt die Nummer meist nichts über die Qualität aus. |
| E.A. oder A.P. | Épreuve d’artiste / Artist’s Proof: Exemplare außerhalb der nummerierten Auflage, die beim Künstler verbleiben. |
| Signatur | Handschriftliche Bestätigung, häufig mit Bleistift. Bei Künstlerbüchern oft auf einer Seite im Innern oder einem eingelegten Blatt. |
| Offene Auflage | Keine feste Höchstzahl; typisch für preiswerte Hefte und Zines. |
Messen für Künstlerbücher
Künstlerbücher und Editionen werden selten in Buchhandlungen verkauft. Ihr wichtigster Marktplatz sind spezialisierte Messen, oft an einem Wochenende in einem Kunstverein, einer Halle oder einem Atelierhaus. Dort stehen Künstlerinnen und Künstler, kleine Verlage und Druckwerkstätten nebeneinander an Tischen. Für Besucherinnen und Besucher sind solche Messen ideal, um ein Feld kennenzulernen, das sich in Ausstellungen schwer zeigen lässt: Bücher wollen in die Hand genommen werden.
Einige Hinweise für den Messebesuch:
- Fragen Sie, ob Sie ein Buch anfassen dürfen. Oft liegt ein Ansichtsexemplar aus; bei Unikaten tragen Aussteller manchmal Handschuhe.
- Lassen Sie sich die Auflage und die Herstellung erklären. Viele Bücher sind in Handarbeit gebunden oder in eigenen Werkstätten gedruckt.
- Nehmen Sie sich Zeit für Tische, die unscheinbar wirken. Gerade kleine Hefte sind oft am experimentierfreudigsten.
- Bezahlung in bar ist auf kleinen Messen noch verbreitet, viele Aussteller akzeptieren aber inzwischen auch Kartenzahlung.
Künstlerbücher ausstellen
Künstlerbücher stellen Ausstellungsorte vor ein Dilemma: Ein Buch, das unter Glas liegt, zeigt nur eine Doppelseite, und das Blättern, das zum Werk gehört, ist unmöglich. Ausstellungen lösen das auf unterschiedliche Weise. Manche legen Leseexemplare aus, die man in die Hand nehmen darf, andere zeigen Bücher aufgeschlagen in Vitrinen und ergänzen sie durch Videos, in denen jemand blättert. Wieder andere hängen einzelne Seiten an die Wand oder bauen Lesetische mit Sitzplätzen. Wer eine Ausstellung mit Künstlerbüchern besucht, sollte nach Leseexemplaren fragen: Erst beim Blättern erschließt sich, ob die Abfolge der Seiten eine Geschichte erzählt, einen Rhythmus bildet oder bewusst ins Leere führt.
Aufbewahren
Künstlerbücher bestehen häufig aus empfindlichen Materialien. Licht lässt Papier vergilben und Farben verblassen, Feuchtigkeit wellt Seiten, und ungeeignete Folien können chemisch reagieren. Aufbewahrung liegend oder aufrecht in säurefreien Schachteln, fern von direkter Sonne und Heizung, ist eine gute Grundregel. Beiliegende Zettel, Stempel oder Einleger gehören zum Werk und sollten nicht entfernt werden.
Warum Künstlerbücher in Kunsträumen gezeigt werden
Künstlerbücher stehen für eine Idee, die viele freie Ausstellungsorte teilen: Kunst soll zirkulieren, erschwinglich sein und unabhängig von großen Institutionen funktionieren. Kunstvereine und Atelierhäuser, die eine Messe für Künstlerbücher ausrichten, verwandeln ihre Räume für einige Tage in einen Marktplatz, an dem Produktion und Publikum sich direkt begegnen. Für viele Sammlerinnen und Sammler beginnt dort die erste Sammlung.
Quellen
- Wikipedia: Künstlerbuch (Definition, Geschichte seit den 1920er-Jahren, Ulises Carrión, Fischli/Weiss).
- Wikipedia: Twentysix Gasoline Stations (Ed Ruscha, 1963).
- Wikipedia: Edition (printmaking) und Multiple.