Kunstformen

Performance im Ausstellungsraum: von den Kölner Atelierabenden der Avantgarde bis heute

Kunstformen · Veröffentlicht am 2026-11-04

Eine Performance ist ein Kunstwerk, das nur geschieht, während es aufgeführt wird. In Ausstellungen zeitgenössischer Kunst ist sie heute selbstverständlich: als Abend zur Eröffnung, als wiederkehrende Aktion während der Laufzeit oder als Arbeit, die nur in ihren Spuren sichtbar bleibt. Köln hat in der Frühgeschichte dieser Kunstform eine wichtige Rolle gespielt.

Was Performance in der bildenden Kunst meint

Anders als Theater beruht Performance in der bildenden Kunst nicht in erster Linie auf einer erzählten Handlung oder auf Rollen. Im Mittelpunkt stehen Handlungen, die Künstlerinnen und Künstler selbst oder mit anderen ausführen: eine Bewegung, ein Ritual, ein Geräusch, ein Gespräch, eine Anordnung von Körpern im Raum. Oft ist die Handlung einfach und wiederholbar; entscheidend ist, dass sie vor einem Publikum oder mit ihm stattfindet und dass Zeit, Raum und Körper ihr Material sind.

Für Ausstellungsorte ist Performance eine besondere Herausforderung. Sie lässt sich nicht an die Wand hängen und nicht über Wochen gleich halten. Viele Orte zeigen deshalb Performances an einzelnen Abenden und dokumentieren sie danach mit Fotografien, Videos oder Objekten, die während der Aufführung entstanden sind.

Köln, 1960: das Atelier in der Lintgasse

Im Jahr 1960 mietete die Künstlerin Mary Bauermeister in der Kölner Altstadt eine Wohnung im Dachgeschoss in der Lintgasse 28. Zwischen März 1960 und Oktober 1961 fanden dort mehrere Konzerte, Ausstellungen und Veranstaltungen statt, die Musik, bildende Kunst und Literatur verbanden. Auf ihre Einladung hin traten Komponisten, Dichter und Künstler wie John Cage, David Tudor, Nam June Paik, George Maciunas, Wolf Vostell, Hans G Helms, Christo und George Brecht auf. Diese Veranstaltungen gelten als frühe „Prä-Fluxus“-Abende und hatten großen Einfluss auf die Künstlerinnen und Künstler, die später unter dem Namen Fluxus bekannt wurden.

Bemerkenswert ist der Ort: kein Museum und keine Galerie, sondern ein Atelier in einer Wohnung. Die Geschichte der Performance ist von Anfang an auch eine Geschichte selbst organisierter Räume, in denen Künstlerinnen und Künstler einander und einem kleinen Publikum Neues zeigten.

Fluxus: Kunst als Ereignis

Fluxus, vom lateinischen Wort für „das Fließen“, ist eine von George Maciunas begründete Kunstrichtung, die in den 1960er-Jahren weithin bekannt wurde. Für Fluxus kam es nicht auf das fertige Kunstwerk an, sondern auf die Idee und den Vorgang. Typisch sind collageartig komponierte Abläufe, die oft „Konzert“ genannt wurden, weil Klang, Bewegung und Handlung zusammenkamen. Viele Fluxus-Stücke sind als kurze Anweisungen notiert, sogenannte Event Scores, die jeder aufführen kann.

Fluxus wurde stark von den musikalischen Ideen John Cages beeinflusst und strebte nach einem fließenden Übergang zwischen Kunst und Leben. Aus Fluxus heraus entwickelten sich unter anderem Strömungen der Konzeptkunst; viele heutige Performances stehen, bewusst oder nicht, in dieser Tradition.

Performance in Ausstellungen heute

Seit den 1970er-Jahren gehört Performance zum festen Repertoire von Kunstvereinen, Museen und Biennalen. Ein vielbeachtetes Beispiel ist Marina Abramovićs The Artist Is Present im Museum of Modern Art in New York im Jahr 2010, bei der die Künstlerin während der gesamten Laufzeit der Ausstellung im Museum saß und Besucherinnen und Besuchern einzeln gegenüber. Die Arbeit zeigte, dass eine Performance auch über Wochen dauern und selbst zur Ausstellung werden kann.

In kleineren Ausstellungsorten sind andere Formen häufiger:

Als Publikum einer Performance begegnen

Viele Menschen fühlen sich bei Performances unsicher: Darf man gehen? Darf man lachen? Muss man mitmachen? Einige Hinweise:

  1. Pünktlich sein. Performances haben, anders als Ausstellungen, meist einen Anfang. Wer zu spät kommt, verpasst oft den entscheidenden Moment.
  2. Abstand respektieren. Performerinnen und Performer arbeiten mit ihrem Körper. Sofern nicht ausdrücklich eingeladen, bleibt man Zuschauer.
  3. Kommen und Gehen ist oft erlaubt. Bei langen Performances ist es üblich, eine Weile zu bleiben und dann weiterzugehen. Bei kurzen, gesetzten Aufführungen ist es höflicher, bis zum Ende zu bleiben.
  4. Fotografieren mit Bedacht. Blitzlicht stört fast immer. Manche Performances verbieten Aufnahmen; ein Hinweis steht meist am Eingang.
  5. Mitmachen ist freiwillig. Partizipative Arbeiten laden ein, sie verpflichten nicht. Ein freundliches Nein ist eine legitime Antwort.

Performance und kleine Räume

Für kleine Ausstellungsorte ist Performance in gewisser Weise ideal. Sie braucht wenig Material, aber einen Raum, der für einen Abend ganz zur Verfügung steht, und ein Publikum, das nahe genug herankommen kann. Große Hallen in Atelierhäusern bieten beides. Zugleich verlangen Performances Planung: Wie viele Menschen passen in den Raum, wo stehen sie, wie verlaufen Fluchtwege, wie wird das Licht gesetzt? Viele Orte kombinieren deshalb eine Ausstellung mit einem oder zwei Performance-Abenden, oft zur Eröffnung und zur Finissage, und machen die Spuren der Aufführung danach Teil der Ausstellung.

Was bleibt

Performances hinterlassen Spuren: Objekte, Fotografien, Videoaufzeichnungen, Partituren, Erinnerungen. Wie man diese Spuren ausstellt, ohne so zu tun, als seien sie das Werk, ist eine der spannendsten Fragen für Ausstellungsorte. Für das Publikum lohnt es sich, nach den Terminen zu fragen. Wer eine Ausstellung nur an einem gewöhnlichen Nachmittag besucht, sieht manchmal den Raum nach der Kunst, aber nicht die Kunst selbst.

Quellen