Der Kunstverein: wie in Deutschland Vereine zeitgenössische Kunst tragen
Kaum ein anderes Land hat ein so dichtes Netz von Kunstvereinen wie Deutschland. Neben den großen, traditionsreichen Häusern gibt es zahllose kleine Vereine, die Künstlerinnen und Künstler gegründet haben, um selbst Ausstellungen zu machen. Wie funktioniert dieses Modell, und warum ist es gerade für freie Ausstellungsorte so wichtig?
Eine bürgerliche Erfindung des 19. Jahrhunderts
Die ersten Kunstvereine entstanden im Zeitraum zwischen etwa 1800 und 1840. Gegründet wurden sie vom aufstrebenden Bürgertum und von Künstlern selbst, mit einem doppelten Ziel: zeitgenössische Kunst einem Publikum zugänglich zu machen, das nicht zum Adel gehörte, und den Verkauf aktueller Werke zu fördern. Zu den ältesten zählen die Albrecht-Dürer-Gesellschaft in Nürnberg (1792), der Kunstverein in Hamburg (1817) und der Badische Kunstverein in Karlsruhe (1818). Vereine waren in dieser Zeit selbst ein politisches Signal: eine freie Form des Zusammenschlusses jenseits der Ständeordnung.
In Köln wurde der Kölnische Kunstverein 1839 gegründet. Seine Statuten wurden im April 1839 genehmigt, und schon im ersten Jahr zählte er nach eigenen Angaben über 1300 Mitglieder. Die erste Ausstellung fand im selben Jahr im Gürzenich statt. Der Verein gehört bis heute zu den bekanntesten Ausstellungsinstitutionen für zeitgenössische Kunst in Deutschland.
Wie viele Kunstvereine es gibt
Nach Angaben, die die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) verbreitet, bestehen in Deutschland auf lokaler und regionaler Ebene über 300 Kunstvereine mit zusammen rund 120.000 Mitgliedern. Die ADKV mit Sitz in Berlin vertritt ihre Interessen; Mitglied werden können Vereine, deren zentrales Anliegen die öffentliche Präsentation und Vermittlung zeitgenössischer Kunst ist. Seit 2006 vergibt sie gemeinsam mit der Kölner Kunstmesse Art Cologne einen Preis für Kunstvereine; 2018 ging er an einen Kölner Ausstellungsort, die Temporary Gallery.
Was ein Kunstverein tut, was ein Museum und eine Galerie tun
Die Unterscheidung ist für das Verständnis der Kunstlandschaft zentral:
| Institution | Hauptaufgabe | Typische Finanzierung |
|---|---|---|
| Museum | Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen | überwiegend öffentliche Träger, Stiftungen |
| Galerie | Vertretung und Verkauf von Künstlerinnen und Künstlern | Provisionen aus Verkäufen |
| Kunstverein | Ausstellen und Vermitteln zeitgenössischer Kunst, ohne eigene Sammlung | Mitgliedsbeiträge, öffentliche Mittel, Sponsoren, Jahresgaben |
Kunstvereine sind also meist der Ort, an dem Künstlerinnen und Künstler eine erste institutionelle Einzelausstellung bekommen, bevor Museen auf sie aufmerksam werden. Viele bieten ihren Mitgliedern sogenannte Jahresgaben an: Editionen oder kleinere Arbeiten zu vergünstigten Preisen, die zugleich die Ausstellungsarbeit mitfinanzieren.
Die Rechtsform: der eingetragene Verein
Die meisten Kunstvereine sind als gemeinnützige eingetragene Vereine (e. V.) organisiert. Grundlage ist das Vereinsrecht des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Ein Verein, dessen Zweck nicht auf einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb gerichtet ist, erlangt Rechtsfähigkeit durch Eintragung in das Vereinsregister des zuständigen Amtsgerichts (§ 21 BGB). Für die Eintragung verlangt das Gesetz mindestens sieben Mitglieder (§ 56 BGB). Organe sind die Mitgliederversammlung und der Vorstand, der den Verein nach außen vertritt.
Die Gemeinnützigkeit erkennt das Finanzamt an, wenn der Verein nach seiner Satzung und tatsächlichen Geschäftsführung steuerbegünstigte Zwecke verfolgt; die Förderung von Kunst und Kultur gehört nach der Abgabenordnung dazu. Gemeinnützigkeit bedeutet für einen kleinen Ausstellungsverein vor allem zweierlei: Er kann Spendenbescheinigungen ausstellen, und er hat bessere Chancen auf öffentliche Förderung.
Große Häuser und kleine Künstlervereine
Unter dem Dach „Kunstverein“ verbergen sich sehr unterschiedliche Organisationen. Am einen Ende stehen traditionsreiche Häuser mit eigenem Gebäude, einer Direktorin oder einem Direktor und einem festen Team. Am anderen Ende stehen Vereine, die von einer Handvoll Künstlerinnen und Künstlern gegründet wurden, um einen Raum, eine Halle oder ein Programm zu betreiben, ohne dafür bezahlt zu werden.
Diese kleinen Vereine sind oft eng mit einem Atelierhaus verbunden. Die Mitglieder arbeiten im selben Gebäude, wählen gemeinsam aus, wer eingeladen wird, und übernehmen Aufbau, Aufsicht und Pressearbeit selbst. Das Modell hat Stärken: Die Auswahl folgt künstlerischen statt kommerziellen Kriterien, und eingeladene Künstlerinnen und Künstler begegnen Kolleginnen auf Augenhöhe. Es hat auch Schwächen: Es hängt an wenigen Personen, an befristeten Mietverträgen und an Förderanträgen, die jedes Jahr neu gestellt werden müssen.
Eine besondere Organisationsform hat in Berlin die Neue Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK), die 1969 entstand: Dort bilden die Mitglieder selbst Arbeitsgruppen und schlagen Projekte vor, über die gemeinsam entschieden wird. Das Prinzip, dass Mitglieder das Programm bestimmen, findet sich in kleinerem Maßstab in vielen Künstlervereinen wieder.
Mitglied werden: was das bedeutet
Wer einem Kunstverein beitritt, zahlt einen Jahresbeitrag, der bei kleinen Vereinen oft unter dem Preis eines Museumsbesuchs pro Monat liegt. Dafür erhält man in der Regel Einladungen zu Eröffnungen, freien Eintritt, Vorkaufsrechte bei Jahresgaben und ein Stimmrecht in der Mitgliederversammlung. Bei kleinen, von Künstlern geführten Vereinen ist die Mitgliedschaft oft auch ein Angebot zur Mitarbeit: Aufsicht, Aufbau, Pressearbeit. Wer sich dafür Zeit nimmt, lernt den Kunstbetrieb von innen kennen.
Warum das Modell trägt, und wo es zerbrechlich ist
Der Verein ist für Ausstellungsarbeit ohne Gewinnabsicht eine fast ideale Form: Er ist günstig zu gründen, demokratisch organisiert und für Förderer verständlich. Seine Zerbrechlichkeit zeigt sich dort, wo er auf Räume angewiesen ist, die ihm nicht gehören. Wenn sich die Nutzung eines Gebäudes ändert, wenn ein Mietvertrag ausläuft oder wenn sich die Interessen der Nutzer eines Hauses verschieben, kann ein jahrzehntelang erfolgreiches Programm von einem Jahr aufs andere enden. Manche Vereine bestehen dann ohne festen Ort weiter, zeigen Projekte an wechselnden Plätzen oder dokumentieren ihre Geschichte in einer Publikation.
Für das Publikum lohnt es sich, Kunstvereine nicht nur zu besuchen, sondern auch ihre Struktur zu kennen. Eine Mitgliedschaft kostet meist wenig, sichert Einladungen und Jahresgaben und trägt dazu bei, dass Orte erhalten bleiben, an denen Kunst gezeigt wird, bevor sie im Museum ankommt.
Quellen
- Wikipedia: Kunstverein (Geschichte, Zahl der Vereine, ADKV, NGBK).
- Wikipedia: Kölnischer Kunstverein (Gründung 1839).
- Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine: kunstvereine.de.
- Bürgerliches Gesetzbuch: § 21 BGB und § 56 BGB.
- Abgabenordnung: § 52 AO (gemeinnützige Zwecke, darunter die Förderung von Kunst und Kultur).
- Wikipedia: Art Cologne (ADKV-ART-COLOGNE-Preis für Kunstvereine).