Tanz trifft Neue Musik: Butoh, Improvisation und Ausstellungsräume
Ein weiß geschminkter Körper bewegt sich fast unmerklich langsam durch eine leere Halle, dazu Geige, Flöte und Schlagwerk, deren Klänge nicht notiert, sondern im Moment gefunden werden. Abende, an denen Butoh-Tanz und Neue Musik aufeinandertreffen, gehören zu den eindrücklichsten Formaten zwischen den Künsten. Woher kommen sie, und warum finden sie so oft in Ausstellungsräumen statt?
Butoh: der „Tanz der Finsternis“
Butoh, eigentlich Ankoku Butō, was sich als „Tanz der Finsternis“ übersetzen lässt, ist ein Tanztheater ohne feste Form, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan entstand. Begründet wurde es von Tatsumi Hijikata und Kazuo Ōno. Als erste Aufführung gilt Hijikatas Stück Kinjiki aus dem Jahr 1959, nach dem gleichnamigen Roman von Yukio Mishima. Das Stück galt als Tabubruch; Hijikata und sein Ensemble mussten das Festival, auf dem es gezeigt wurde, nach der Uraufführung verlassen.
Butoh wandte sich gegen eine bloße Übernahme westlicher Tanzformen und suchte nach einem eigenen, zeitgenössischen Ausdruck. Typisch sind ein weiß geschminkter, oft fast nackter Körper, sehr langsame oder verzerrte Bewegungen und eine Nähe zum Grotesken und Absurden. Es geht weniger um Schönheit als um Verwandlung: Der Körper soll etwas anderes werden, ein Tier, ein Stein, ein Geist, ein Zustand.
Eine Verbindung nach Deutschland
Die Wurzeln des Butoh reichen bis in die 1920er-Jahre und zum deutschen Ausdruckstanz zurück. Ähnlich wie Tänzerinnen und Tänzer wie Mary Wigman, Valeska Gert oder Harald Kreutzberg in der Vorkriegszeit brach Butoh mit den Konventionen des klassischen Balletts und suchte einen Tanz, der innere Zustände sichtbar macht. Diese Verwandtschaft erklärt vielleicht, warum Butoh in Deutschland früh ein interessiertes Publikum fand und warum viele Butoh-Tänzerinnen und -Tänzer später hier lebten und arbeiteten.
Neue Musik und Improvisation
Neue Musik ist ein Sammelbegriff für die komponierte Kunstmusik seit dem frühen 20. Jahrhundert, die mit Klang, Form und Zeit experimentiert. In Köln hat sie eine lange Tradition, nicht zuletzt durch das 1951 gegründete Studio für Elektronische Musik des Rundfunks, über das wir im Beitrag zur Klangkunst berichten. Besonders gut passen zu Butoh jene Spielarten der Neuen Musik, die improvisiert werden: Musikerinnen und Musiker entwickeln Klänge im Moment, reagieren auf den Raum und auf die Bewegungen der Tanzenden, statt einer Partitur zu folgen.
Das Zusammenspiel folgt dabei selten festen Regeln. Weder die Bewegungen noch der musikalische Verlauf sind vorab fixiert; Tanz und Klang hören aufeinander, verlangsamen, steigern, brechen ab. Für das Publikum entsteht eine Situation, in der nicht klar ist, wer wem folgt, und genau das macht die Spannung aus.
Warum Ausstellungsräume?
Solche Abende finden auffallend häufig nicht in Theatern statt, sondern in Kunsthallen, Atelierhäusern und Projekträumen. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Der Raum ohne Bühne. Eine leere Halle hat keine Guckkastenbühne und keine festen Sitzreihen. Das Publikum kann sich um die Tanzenden herum verteilen, die Perspektive ändern, sich nähern oder zurücktreten.
- Die Akustik. Große, harte Räume haben einen langen Nachhall, den improvisierende Musikerinnen und Musiker gezielt nutzen.
- Die Nähe zur bildenden Kunst. Butoh arbeitet stark mit Bildern, mit Licht, Haut, Stoff und Stillstand. In einem Ausstellungsraum werden diese Bilder Teil eines Gesprächs mit Installationen und Objekten.
- Die Offenheit kleiner Orte. Künstlerhäuser und freie Räume sind oft offener für Formate, die sich nicht in eine Sparte einordnen lassen. Mehr dazu im Beitrag über das Künstlerhaus als Ausstellungsort.
Ein Jahresprogramm zwischen den Sparten
Viele freie Ausstellungsorte eröffnen ihr Jahr oder beenden es mit einem solchen Abend. Ein Jahresprogramm, das mit Tanz und Musik beginnt und danach Malerei, Rauminstallation, Klangskulptur und Performance zeigt, ist typisch für Orte, die sich nicht auf ein Medium festlegen wollen. Für das Publikum lohnt sich der Blick auf das ganze Jahr: Wer nur zu den Ausstellungen kommt, verpasst die Abende, an denen der Raum selbst zum Instrument wird.
Wie man einen solchen Abend erlebt
- Zeit einplanen. Butoh ist langsam. Viele Abende dauern ohne Pause eine Stunde oder länger.
- Den Platz bewusst wählen. Nahe am Geschehen sieht man Details der Bewegung, weiter entfernt das Bild im Raum.
- Keine Handlung erwarten. Es wird nichts erzählt. Hilfreicher ist es, auf Übergänge zu achten: Wann ändert sich der Klang, wann die Bewegung?
- Still sein. Leise Passagen gehören zum Werk. Ein raschelndes Programmheft ist hier lauter als in jedem Konzertsaal.
Kazuo Ōno und die Reise des Butoh
Während Hijikata den Butoh vor allem in Japan prägte, trug Kazuo Ōno, der zweite Begründer, viel dazu bei, dass die Kunstform international bekannt wurde. Seine Auftritte, oft in Kostümen, die zwischen Frau und Mann, Alter und Jugend changierten, galten als zart, verletzlich und humorvoll zugleich. Seit den 1980er-Jahren gastierten Butoh-Tänzerinnen und -Tänzer regelmäßig in Europa; viele Schülerinnen und Schüler der ersten Generationen gründeten eigene Ensembles oder lehren in Workshops. Dadurch hat sich Butoh weit von seinen Ursprüngen entfernt: Heute gibt es Formen, die eng an die japanische Tradition anschließen, und solche, die Butoh als Haltung verstehen und mit zeitgenössischem Tanz, Performance und Improvisation verbinden.
Für die Begegnung mit Neuer Musik ist gerade diese Offenheit entscheidend. Ein Butoh-Abend in einer Kunsthalle ist selten eine Rekonstruktion historischer Stücke, sondern meist ein neues Zusammentreffen von Menschen, die sich für einen Abend auf einen Raum, ein Licht und eine Stille einigen.
Was Ausstellungsorte davon haben
Für einen Ausstellungsort ist ein solcher Abend mehr als ein Rahmenprogramm. Er zeigt den Raum in einem anderen Zustand: dunkel statt hell, voll statt leer, bewegt statt ruhig. Viele Besucherinnen und Besucher, die zu einem Konzert kommen, kehren später zu einer Ausstellung zurück, und umgekehrt. So entsteht ein Publikum, das sich nicht nach Sparten sortiert.
Quellen
- Wikipedia: Kazuo Ōno.
- Wikipedia: Butoh (Hijikata, Ōno, Kinjiki 1959, Bezüge zum Ausdruckstanz).
- Wikipedia: Neue Musik.
- Wikipedia: Ausdruckstanz.
- Wikipedia: Free improvisation.