Das Künstlerhaus als Ausstellungsort: Ateliers, Halle und Gastateliers unter einem Dach

In vielen Städten gibt es Gebäude, in denen Künstlerinnen und Künstler nicht nur arbeiten, sondern auch ausstellen: ehemalige Fabriken, Schulen oder Lagerhäuser mit Ateliers in den oberen Etagen und einer großen Halle im Erdgeschoss. Solche Künstlerhäuser gehören zu den eigenwilligsten Ausstellungsorten der zeitgenössischen Kunst. Wie funktionieren sie?
Was ein Künstlerhaus ausmacht
„Künstlerhaus“ ist kein geschützter Begriff. Er bezeichnet sowohl historische Vereinshäuser des 19. Jahrhunderts als auch Atelierhäuser, die seit den 1970er-Jahren in leer stehenden Gebäuden entstanden sind. Gemeinsam ist den heutigen Atelierhäusern meist eine Mischung aus drei Nutzungen:
- Ateliers, die einzelne Künstlerinnen und Künstler dauerhaft mieten, oft zu Mieten unterhalb des Marktniveaus.
- Gastateliers, die für einige Monate an auswärtige Künstlerinnen und Künstler vergeben werden, häufig über ein Stipendium oder ein Programm einer Stadt oder Stiftung.
- Gemeinschafts- oder Ausstellungsräume, von einem kleinen Projektraum bis zu einer Halle von mehreren hundert Quadratmetern.
Ein bekanntes Beispiel für die Umnutzung eines großen Gebäudes ist das Bethanien in Berlin-Kreuzberg: Das ehemalige Diakonissen-Krankenhaus wurde 1970 stillgelegt, Bürgerinitiativen verhinderten den Abriss, und das Land Berlin machte es zu einem Ort für Kultur und Kunst. Das dort gegründete Künstlerhaus Bethanien arbeitet als internationales Atelierhaus und ist inzwischen an einen anderen Standort in Kreuzberg gezogen. Die Geschichte zeigt ein typisches Muster: Ein Gebäude verliert seine ursprüngliche Funktion, und Kunst füllt die Lücke.
Die Halle: Ausstellen dort, wo gearbeitet wird
Eine eigene Ausstellungshalle verändert ein Atelierhaus grundlegend. Aus einem Ort der Produktion wird ein Ort, der sich regelmäßig nach außen öffnet. Große, unverstellte Hallen sind für zeitgenössische Kunst besonders attraktiv, weil sie Arbeiten erlauben, die in einer Galerie oder einem Wohnzimmer keinen Platz finden: Rauminstallationen, große Projektionen, Klangarbeiten, die Abstand und Nachhall brauchen.
Zugleich bringt eine solche Halle Pflichten mit sich. Sie muss beheizt, gesichert und versichert werden, sie braucht Aufsicht während der Öffnungszeiten, und sie verursacht Kosten auch dann, wenn gerade nichts gezeigt wird. Die Bewohnerinnen und Bewohner eines Hauses müssen sich darüber einig sein, wie viel Zeit, Geld und Lärm ihnen ein Ausstellungsprogramm wert ist.
Wer entscheidet, was gezeigt wird?
In Atelierhäusern mit eigener Halle entscheiden häufig die Künstlerinnen und Künstler des Hauses gemeinsam über das Programm. Das kann über einen Verein geschehen, dessen Mitglieder Vorschläge einbringen und abstimmen, oder über wechselnde kuratorische Verantwortung, bei der jeweils eine Person aus dem Haus eine Ausstellung betreut. Dieses Modell hat Vorteile: Die Auswahl ist kollegial und nicht vom Verkauf abhängig, und eingeladene Künstlerinnen und Künstler treffen auf Menschen, die ihre Arbeit aus eigener Praxis kennen.
Die Nachteile sind ebenso typisch. Die Programmarbeit ist meist ehrenamtlich, kommt also zur eigenen künstlerischen Arbeit hinzu. Entscheidungen können zäh werden, wenn viele mitreden. Und wenn sich die Zusammensetzung der Hausgemeinschaft ändert, ändert sich auch das Programm, manchmal so stark, dass es endet. Wir haben die Vereinsform solcher Orte in unserem Beitrag über Kunstvereine ausführlicher beschrieben.
Bildende und darstellende Kunst
Viele Künstlerhäuser mit großen Hallen öffnen sich nicht nur für Ausstellungen, sondern auch für Konzerte, Tanz, Lesungen und Performances. Die Halle wird dann zur Bühne ohne Bühne. Gerade an solchen Orten entstehen Formate zwischen den Sparten: Neue Musik trifft auf Rauminstallation, Tanz auf Klangkunst, eine Ausstellung endet mit einem Konzert. Für das Publikum bedeutet das, dass sich der Blick auf einen Raum je nach Abend verändert. Mehr dazu in unseren Beiträgen über Tanz und Neue Musik und über Performance im Ausstellungsraum.
Gastateliers: Austausch über die Stadt hinaus
Gastateliers bringen Künstlerinnen und Künstler aus anderen Städten und Ländern für eine begrenzte Zeit in ein Haus. Für die Gäste bedeuten sie Arbeitsraum, oft ein Stipendium und den Zugang zu einem lokalen Netzwerk. Für das Haus bedeuten sie neue Gesprächspartner und Verbindungen zu Institutionen anderswo. Vergeben werden solche Ateliers häufig von Städten, Ländern oder Stiftungen, die sich um Bewerbungen kümmern; das Haus selbst stellt Raum und Gemeinschaft.
Finanzierung
Ein Ausstellungsprogramm in einem Atelierhaus finanziert sich selten aus einer einzigen Quelle. Üblich ist eine Mischung aus:
- Projektförderung der Stadt oder des Landes für einzelne Ausstellungen oder Jahresprogramme;
- Mitgliedsbeiträgen, wenn ein Verein das Programm trägt;
- Unterstützung durch Unternehmen, etwa in Form von Druckkosten, Getränken oder Material;
- Eigenleistung der Künstlerinnen und Künstler, die Aufbau, Aufsicht und Kommunikation übernehmen.
Weil Projektförderung meist jährlich neu beantragt werden muss, planen viele Häuser nur ein bis zwei Jahre im Voraus.
Kooperationen
Künstlerhäuser mit Ausstellungshalle arbeiten selten allein. Typisch sind Kooperationen mit Kunsthochschulen, deren Klassen eine Ausstellung bestreiten, mit Festivals, die für einige Tage Räume in der ganzen Stadt bespielen, mit Galerien, die eine größere Arbeit zeigen möchten, als ihr eigener Raum zulässt, und mit Partnerorten in anderen Ländern, mit denen Ausstellungen getauscht werden. Solche Kooperationen erweitern das Programm, ohne das Budget zu sprengen, und bringen ein Publikum ins Haus, das sonst nicht käme.
Was solche Orte verletzlich macht
Die größte Gefahr für Künstlerhäuser ist nicht mangelndes Interesse, sondern der Raum selbst. Viele Häuser sind gemietet, oft von der öffentlichen Hand oder von Eigentümern, die das Gebäude später anders nutzen möchten. Steigende Mieten, Sanierungen oder Konflikte zwischen den Nutzerinnen und Nutzern können ein jahrelang funktionierendes Programm beenden. In solchen Fällen bleibt oft nur die Dokumentation: Einladungskarten, Pressetexte und eine Publikation, die das Programm im Rückblick zusammenfasst.
Für eine Stadt sind solche Orte dennoch kaum zu ersetzen. Sie verbinden Produktion und Präsentation, sie zeigen Kunst, die sonst keinen Raum fände, und sie sind oft die erste Station für Künstlerinnen und Künstler, die später in Kunstvereinen und Museen ausstellen. Wer ein Künstlerhaus mit Ausstellungshalle in seiner Nähe hat, sollte die Eröffnungen nicht verpassen und an den offenen Ateliertagen vorbeischauen.
Quellen
- Wikipedia: Bethanien (Berlin) (Stilllegung 1970, Umnutzung, Künstlerhaus Bethanien).
- Wikipedia: Künstlerhaus (Begriff und Beispiele).
- Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler: bbk-bundesverband.de (Atelierpolitik und Arbeitsbedingungen).