Freie Kunsträume in Köln: eine kurze Geschichte des unabhängigen Ausstellens

Köln ist für Museen und Galerien bekannt, aber ein großer Teil des Kunstlebens findet anderswo statt: in Projekträumen, Atelierhäusern, Kunstvereinen und Hallen, die von Künstlerinnen und Künstlern selbst betrieben werden. Diese freien Kunsträume haben eine lange Geschichte, und sie ist eng mit der Geschichte der Stadt als Kunstmarkt verbunden.
Was ein „freier Kunstraum“ ist
Der Begriff ist nicht genau festgelegt. Gemeint sind Ausstellungsorte, die weder Museum noch kommerzielle Galerie sind und die nicht in erster Linie verkaufen wollen. Im Englischen spricht man von artist-run spaces oder off-spaces, im Deutschen von Projekträumen, Offspaces oder, wenn Künstler eine Verkaufsgalerie selbst betreiben, von einer Produzentengalerie. Häufig sind diese Orte als Verein organisiert, arbeiten mit kleinen Budgets und viel Eigenleistung und zeigen Kunst, die anderswo (noch) keinen Platz findet.
Ein bürgerlicher Anfang: 1839
Die Vorgeschichte des unabhängigen Ausstellens in Köln beginnt mit einer bürgerlichen Initiative. Im April 1839 wurden die Statuten des Kölnischen Kunstvereins genehmigt. Kölner Bürger gründeten ihn, um zeitgenössische Kunst in der Stadt zu zeigen; die erste Ausstellung fand noch im selben Jahr im Gürzenich statt. Der Kunstverein war unabhängig von Hof und Kirche und finanzierte sich über Mitglieder. Dieses Modell, Kunst durch einen Verein von Interessierten zu tragen, prägt bis heute viele freie Ausstellungsorte. Mehr dazu in unserem Beitrag über Kunstvereine.
Ein Atelier als Treffpunkt: 1960 und 1961
Ein Schlüsselmoment für die freie Szene der Nachkriegszeit war ein Ort, der nicht als Ausstellungsraum gedacht war. Die Künstlerin Mary Bauermeister mietete 1960 eine Dachgeschosswohnung in der Lintgasse 28 in der Altstadt. Zwischen März 1960 und Oktober 1961 fanden dort Konzerte, Ausstellungen und Lesungen statt, bei denen unter anderem John Cage, David Tudor, Nam June Paik und George Maciunas auftraten. Die Abende gelten als frühe Vorläufer von Fluxus und trugen nach verbreiteter Einschätzung erheblich zur Entwicklung der Kölner Kunstszene bei. Sie zeigten, was ein selbst organisierter Raum leisten kann: Er verbindet Sparten, lädt Menschen aus aller Welt ein und ist schneller als jede Institution. Ausführlicher dazu im Beitrag über Performance im Ausstellungsraum.
Markt und Gegenmarkt: 1967 und danach
1967 fand im Gürzenich der erste Kölner Kunstmarkt statt, initiiert von den Galeristen Hein Stünke und Rudolf Zwirner. Achtzehn Galerien nahmen teil. Aus dieser Messe wurde später die Art Cologne, die als älteste Kunstmesse der Welt für zeitgenössische Kunst gilt. Für die Kölner Kunstszene war das ein Wendepunkt: Die Stadt wurde zu einem Zentrum des internationalen Kunsthandels.
Zugleich provozierte der Markt Widerspruch. Weil nicht alle Galerien zugelassen wurden, die sich bewarben, entstanden von Anfang an alternative Veranstaltungen, etwa 1967 die „Demonstrative“ in Köln oder 1969 der „Neumarkt der Künste“. Das Muster blieb: Wo es einen starken Markt gibt, entstehen Orte, die sich bewusst außerhalb stellen.
Atelierhäuser, Projekträume, Kunstvereine
In den folgenden Jahrzehnten entstanden in Köln zahlreiche unabhängige Orte. Grob lassen sich drei Typen unterscheiden:
- Atelierhäuser mit Ausstellungsraum: Gebäude mit vielen Ateliers, oft in ehemaligen Gewerbe- oder Verwaltungsbauten, in denen die Mieterinnen und Mieter eine Halle oder einen Raum gemeinsam bespielen. Wie diese Orte funktionieren, beschreiben wir im Beitrag über das Künstlerhaus als Ausstellungsort.
- Projekträume: Kleine Räume in Ladenlokalen, Kellern oder Wohnungen, oft nur für wenige Jahre aktiv, mit Ausstellungen, die manchmal nur ein Wochenende dauern.
- Kleine Kunstvereine: Vereine, die ohne festes Haus Ausstellungen an wechselnden Orten organisieren oder in angemieteten Räumen ein Jahresprogramm zeigen.
Einzelne dieser Orte erhalten überregionale Anerkennung. So ging der Preis für Kunstvereine, den die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine zusammen mit der Art Cologne vergibt, im Jahr 2018 an die Temporary Gallery in Köln.
Was freie Räume leisten
Freie Kunsträume erfüllen Aufgaben, die andere Institutionen nur schwer übernehmen können:
- Erste Ausstellungen: Viele Künstlerinnen und Künstler zeigen hier ihre ersten Einzelausstellungen nach dem Studium.
- Experiment: Arbeiten, die schwer verkäuflich sind, etwa große Rauminstallationen, Klangarbeiten oder Performances, finden hier Platz.
- Austausch: Gastausstellungen bringen Künstlerinnen und Künstler aus anderen Städten und Ländern nach Köln, oft im Gegenzug für Einladungen dorthin.
- Nachbarschaft: Freie Räume liegen oft in Wohnvierteln und erreichen Menschen, die selten ins Museum gehen.
Warum viele Räume wieder verschwinden
Die Geschichte freier Kunsträume ist auch eine Geschichte des Verschwindens. Mietverträge laufen aus, Gebäude werden saniert oder verkauft, ehrenamtliche Teams lösen sich auf. Manche Orte existieren zehn Jahre und länger, andere nur eine Saison. Was bleibt, sind Einladungskarten, Pressetexte, Fotos und manchmal eine Publikation, die das Programm im Rückblick dokumentiert. Für die Kunstgeschichte einer Stadt sind diese Spuren wertvoll, weil sie zeigen, was gezeigt wurde, bevor es in Museen ankam.
Archive des Unabhängigen
Wer die Geschichte freier Kunsträume erforschen möchte, stößt schnell auf ein Problem: Viele dieser Orte haben kaum Akten hinterlassen. Einladungskarten liegen in privaten Sammlungen, Websites sind abgeschaltet, Mitglieder verstreut. Für Köln ist die Lage etwas besser als anderswo, weil die Stadt mit Einrichtungen wie dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (ZADIK) und mit vielen Sammlerinnen und Sammlern ein Bewusstsein für die eigene Kunstgeschichte hat. Dennoch hängt viel davon ab, dass die Beteiligten selbst dokumentieren, was sie gezeigt haben, etwa in einer Publikation zum Ende eines Programms.
Freie Räume finden
Wer die freie Szene einer Stadt kennenlernen möchte, findet sie selten über große Plakate. Hilfreicher sind Newsletter der Räume selbst, Veranstaltungskalender der Stadt und der Kunstvereine, Atelierrundgänge und Festivals, an denen sich viele kleine Orte gleichzeitig beteiligen. Unsere Linkliste nennt einige öffentliche Anlaufstellen in Köln.
Quellen
- Wikipedia: Kölnischer Kunstverein (Gründung 1839, erste Ausstellung im Gürzenich).
- Wikipedia: Mary Bauermeister (Atelier Lintgasse 28, 1960–1961).
- Wikipedia: Art Cologne (Kölner Kunstmarkt 1967, Gegenveranstaltungen, ADKV-ART-COLOGNE-Preis).
- Wikipedia: Galerie (Kunst) (Begriff Produzentengalerie).
- Wikipedia: Artist-run space.